Das Nöbdenitzer Rittergut

Richtig romantisch sah das Rittergut mit seiner Parkanlage aus. Dort wo sich jetzt der Nöbdenitzer Kindergarten befindet, war damals der Eselsstall und das Taubenhaus. Das heutige Nöbdenitzer Gemeindehaus diente als Försterhaus. Förster Richard Helbig wohnte dort in den unteren Räumen. Er war ein sehr strenger Förster, der gut aufpasste, dass man im Wald nicht vom vorgeschriebenen Weg abkam, denn das war nicht erlaubt. Die zwei Teiche hinter dem Försterhaus gehörten zum Rittergut. Im ersten Teich wurde  gebadet und im zweiten Teich züchtete man Fische ( Forellenteich ). Der  Weg um den Teich wurde von der Rittergutsfamilie Verlobungsweg genannt. Vom Verlobungsweg aus führte über die Sprotte eine Schwebebrücke, von der aus man zur damaligen Gärtnerei gehen konnte, welche sich auf dem Feld hinter der Sprotte befand. Zwischen den zwei Teichen stand ein kleines Teehäuschen. Der Fachwerkschuppen, der rechts am Anfang des Radwanderweges Nöbdenitzer Wald steht, war früher der Hühnerstall und ist noch einziges Überbleibsel vom abgerissenen Rittergut. Da, wo sich früher die Grabstätte der Rittergutsfamilie befand, steht jetzt eine Schulbushaltestelle. Das Rittergut hatte einen Inspektor, das war der Paul Lukner, bekannt als ein strenger und ordnungsliebender Mann. Im Waschhaus ( heute Wohnhaus mit Frisör ) zahlte er den Arbeitern immer den Lohn aus, seine Frau verkaufte dort die Milch, ein Liter kostete damals 15 Pfennig. Ernst von Thümmel war ein guter Landwirt und Rittergutsbesitzer. Seine Frau hieß Margarete von Thümmel. Sie hatten zwei Töchter. Sein Enkel Eckebrecht lebte auch auf dem Rittergut und erlernte beim Bauer Kirmse den Beruf des Landwirts. Man erzählte mir, das Herr und Frau von Thümmel sehr nette Menschen waren. Beide hatten viel für ihr Dorf und deren Bewohner übrig. Als das Rittergut noch bestand, haben viele Dorfbewohner dort als Feldarbeiter und im Winter als Waldarbeiter gearbeitet. Für die Kinder der Arbeiter und Angestellten gab es jedes Jahr eine Weihnachtsfeier am 2. Weihnachtsfeiertag. Da wurden in einem Raum des Rittergutes eine große Tafel mit Essen aufgebaut und jedes Kind bekam ein Spielzeug und auch etwas zum Anziehen geschenkt. Kammerherrn Ernst von Thümmel  starb am 13. Februar 1945 an einem Schlaganfall. An diesem Tag kamen auch die Amerikaner ins Dorf. Gleich nach dem Krieg musste seine Frau das Rittergut unter unwürdigen Bedingungen verlassen. Bis sie aus Nöbdenitz weg zog, fand sie im Pfarrhaus bei Pfarrer Günther eine Bleibe.

Marlis Geidner-Girod