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Dorfpfarrer Heinrich Günther
Als Dorfchronistin von Nöbdenitz habe ich es mir vor allem zur Aufgabe
gemacht, Gespräche mit den älteren Bewohnern des Dorfes zu führen und
deren Erinnerungen aufzuschreiben An diesen Lebensgeschichten möchte ich
Sie gerne teilhaben lassen. Beginnen möchte ich mit den Erinnerungen an
Heinrich Günther, welcher seit 1905 Pfarrer für die Kirchgemeinde
Nöbdenitz, Posterstein und Lohma war. Gern erinnert man sich an diesen
Mann als einen guten Menschen, der durch seine volksnahe Art sehr gut in
unser Dorf passte und heute noch schwärmt man von seinen wunderbaren
Predigten. Wenn er für die Predigt übte, lief er immer den Weg um den
Nöbdenitzer Teich auf und ab, bis diese saß. Als Pfarrer konnte er aber
auch, wenn es angebracht war, sehr streng sein. Seine Ehe blieb kinderlos,
obwohl das Ehepaar sehr kinderlieb war. Der Pfarrer war für die
Konfirmanden zuständig, seine Frau - eine gelernte Lehrerin, für die
Christenlehrekinder. Die Pfarrersfrau brachte den Kindern viele schöne
Lieder bei und begleitete deren Gesang auf dem Harmonium.
Die Pfarrersfamilie war eine Familie mit Wohlstand. Sie hatten eine
Köchin, eine Waschfrau und als Haushaltsgehilfinnen Schulmädchen, die für
die kleineren Arbeiten zuständig waren. Vom 12. Lebensjahr bis zur
Konfirmation konnte man als Mädchen in einer Hauswirtschaft arbeiten.
Mittags 12.00 Uhr war die Schule aus und von 13 .00 Uhr bis 16 .00 Uhr hat
man dann beim Pfarrer gearbeitet. Im Monat hat man 5 Mark verdient und das
war zu dieser Zeit viel Geld ! So wie die Familienverhältnisse waren
,wurde das Verdiente entweder für die Wirtschaft zu Hause mit abgegeben
oder man durfte das Geld für sich behalten. Die Aufgaben der Mädchen waren
Kohlen schleppen, die Schuhe putzen, einkaufen gehen, z. B. das Bier für
den Herrn Pfarrer im Gasthof Jäger oder die Lebensmittel aus dem Konsum
holen, Beeren pflücken und immer freitags wurde das Silber geputzt. Wenn
Großreinemachtag war, mussten die Teppiche ausgeklopft und die Fenster
geputzt werden. Die Pfarrersleut waren immer gut zu ihren Angestellten.
Während der Kriegszeit und nach dem Krieg fanden Menschen , die ihr
eigenes Heim verloren hatten, eine vorübergehende Bleibe im Pfarrhaus. Im
März 1947 wurde Pfarrer Günther zum Oberpfarrer ernannt. Nach 46-jähriger
Dienstzeit legte er 1951 sein Amt nieder. Im September 1956 schloss er für
immer seine Augen. Drei Generationen hat Pfarrer Günther Gottes Wort
gelehrt und gepredigt und in Freud und Leid seiner Gemeinde zur Seite
gestanden.
Marlis Geidner-Girod
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